Warum Theater neue Formen institutioneller Handlungsfähigkeit brauchen – von Mirjam Hildbrand und Alexander Keil
Die Debatte über Leitungsmodelle im Theater – ob Einzelspitze, Doppelspitze, kollektive Leitung oder Selbstorganisation – greift zu kurz, weil jedes Modell ein Problem löst und zugleich neue Folgeprobleme erzeugt, ohne Hierarchie oder Macht tatsächlich abzuschaffen. Entscheidend ist daher nicht die Frage nach dem „richtigen“ Modell oder der Anzahl der Leitenden, sondern welche Entscheidungsfähigkeit eine Kulturinstitution braucht, um mit vielfältigen, teils widersprüchlichen Anforderungen (künstlerisch, wirtschaftlich, sozial, politisch) handlungsfähig zu bleiben. Angesichts wachsenden gesellschaftlichen und finanziellen Drucks liegt die Zukunft der Theaterleitung nicht im perfekten Modell, sondern in bewusst gestalteten Strukturen, die Macht, Verantwortung und Widersprüche sichtbar, bearbeitbar und legitimiert halten.
Workshop mit Alexander Keil & Phanmika Sua-Ngam-Iam bei der MöglichMacher-Fachtagung, LMU München
14. Juli 2026, 10:15 bis 11:45 Uhr
Hochschulen sind komplexe soziale Systeme, die im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik (und Verwaltung) sowie Wirtschaft agieren. Sie sind verantwortlich für Lehre und Forschung aber auch für die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Diese Aufgaben unter den gegebenen Rahmenbedingungen zu erfüllen, stellt oft eine Herausforderung dar. Im Workshop wird gemeinsam erarbeitet, wie dennoch Gestaltungsspielräume entstehen können. Zunächst wird dafür geklärt, welche externen und internen Anforderungen Hochschulen begegnen und mit welchen Strukturen sie darauf reagieren. Anschließend wird es darum gehen, anhand der Fälle der Teilnehmenden zu ergründen, wo Gestaltung typischerweise gelingt und wo nicht, sowie welche Hebel es gibt, um dennoch Einfluss darauf zu nehmen. Schließlich wird der Blick auf das Beispiel der Kunsthochschulen geworfen und geprüft, inwieweit die erarbeiteten Einsichten auf sie übertragbar sind – gemeinsam wird erkundet, welche Ausnahmen die Regel bestätigen, sodass gleichzeitig das Verständnis für die Funktionsweise (des Möglichmachens) von Hochschulen im Allgemeinen und von Kunsthochschulen im Spezifischen geschärft wird.
Ein Gesprächsabend mit Manuela Müller
wann: Mittwoch, 16. September 2026, 18:30 Uhr
wo: Janusz-Korczak-Bibliothek, Berliner Straße 120/121, 13187 Berlin-Pankow
Hakenkreuze an Laternen, rechte Codes auf Kleidung, Reichskriegsflaggen im Kinderzimmer: Rechtsextreme Symbole und Einstellungen sind unter Jugendlichen wieder sichtbarer geworden. Was lange als Provokation, jugendliche Phase oder Randphänomen galt, entwickelt sich mancherorts zu einem Lifestyle – rechte Subkultur wird zunehmend anschlussfähig an den Alltag junger Menschen.
Die Journalistin Manuela Müller beobachtet diese Entwicklung seit Jahren in Sachsen. In ihrem Buch „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“ spricht sie mit Jugendlichen, Eltern und Menschen aus ihrem Umfeld. Sie beschreibt, wie rechte Einstellungen entstehen, welche Rolle Gruppendruck, Einsamkeit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielen – und wie schwer es für Familien, Schulen und Gesellschaft sein kann, darauf zu reagieren.
Was macht rechtsextreme Ideen für junge Menschen attraktiv? Wo endet Provokation, wo beginnt politische Radikalisierung? Welche Rolle spielen Freundeskreise, soziale Medien, familiäre Erfahrungen und das gesellschaftliche Klima? Und was können Eltern, Schulen, Zivilgesellschaft und Politik tun, wenn demokratische Werte an Selbstverständlichkeit verlieren?
Darüber möchten wir mit Manuela Müller diskutieren – und wie eine demokratische Gesellschaft dieser Dynamik begegnen kann.
Wir laden herzlich ein zu einem Abend des Austauschs und der Debatte.
Eine gemeinsame Veranstaltung der Janusz-Korczak-Bibliothek, dem Buchlokal Pankow und von Borggräfe & Keil
Moderation: Borggräfe & Keil
Um Anmeldung unter
janusz-korczak-bibliothek@ba-pankow.berlin.de wird gebeten.
Julia Borggräfe beschreibt, warum eine leistungsfähige Verwaltung gerade in Zeiten von Digitalisierung, Fachkräftemangel, Klimawandel und gesellschaftlicher Transformation unverzichtbar ist. Sie zeigt, weshalb viele Reformen dennoch nicht die gewünschte Wirkung entfalten: Solange Verwaltung nicht konsequent von den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger aus gedacht wird und politische sowie administrative Handlungslogiken unverbunden nebeneinanderstehen, bleiben Veränderungen oft Stückwerk. Bürokratopia zeigt, wie dieser Knoten gelöst werden kann.
Das Buch verbindet eine fundierte Analyse der Herausforderungen mit einer klaren Zukunftsvision und vor allem mit konkreten Ansätzen für die Praxis. Es zeigt, wie Verwaltung nutzerzentrierter, wirksamer und innovativer werden kann – durch moderne Führung, neue Formen der Zusammenarbeit, konsequente Digitalisierung, eine attraktive Arbeitskultur und einer stärkere Orientierung an Wirkung. Dabei wird deutlich: Technologische Lösungen allein reichen nicht aus. Erst das Zusammenspiel von Menschen, Organisation und Kultur schafft die Voraussetzungen für nachhaltige Veränderung.
Bürokratopia richtet sich an alle, die Verwaltung nicht nur kritisieren, sondern als Fundament einer starken Demokratie verstehen – und erkennen, dass eine wirksame, zukunftsfähige und konsequent an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger ausgerichtete Verwaltung dafür unverzichtbar ist. Denn hinter dem vermeintlich trockenen Thema Bürokratie verbirgt sich eine der spannendsten Zukunftsfragen unserer Zeit: Wie bleibt unser demokratischer Staat handlungsfähig? Eine Frage, die uns alle betrifft. Bürokratopia liefert dafür keine Patentrezepte, sondern einen praxisnahen Kompass mit konkreten Impulsen für alle, die Verwaltung wirksam, bürgerorientiert und zukunftsfähig gestalten wollen.
Erstes Kulturgespräch der Stadt Luzern
mit Alexander Keil
Wie gelingt Wandel im Kulturbereich – und welche Rolle spielt der gemeinsame Diskurs dabei? Diesen Fragen widmete sich das 1. Kulturgespräch Stadt Luzern, das am Dienstag, 17. März 2026, um 18.15 bis 20 Uhr im stattkino und der Bourbaki Bar stattfand.
Mindestens einmal pro Jahr lädt die Stadt Luzern zu den «Luzerner Kulturgesprächen» ein. Bei diesem Format werden aktuelle Themen, Herausforderungen und Chancen im Kulturbereich diskutiert. Stadtpräsident Beat Züsli, Bildungsdirektor, informiert gemeinsam mit der Dienstabteilung Kultur und Sport über aktuelle Kulturprojekte und kulturpolitische Entwicklungen in der Förderung. Gleichzeitig erhalten Kulturschaffende Raum, ihre Erfahrungen, Perspektiven und Anliegen einzubringen.
Ziel des neuen Formats ist es, den Dialog zu intensivieren, den fachlichen Austausch zu fördern und mit Fachreferaten Impulse für künftige Themenschwerpunkte zu setzen. Im gemeinsamen Gespräch sollen Herausforderungen benannt und gemeinsam Lösungsansätze entwickelt werden, um die Vielfalt des Luzerner Kulturschaffens weiter zu stärken. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund anstehender Grossprojekte im Kulturbereich ist der gemeinsame Dialog eine wichtige Bedingung für deren Gelingen. Gianluca Pardini, Leiter Kultur und Sport, sagt dazu: «Mit den Kulturgesprächen setzt die Stadt Luzern einen Schritt zur Weiterentwicklung des Dialogs, ihrer Kulturförderung und zur Vertiefung des Verständnisses für die Bedürfnisse der Kulturszene und des interessierten Kulturpublikums».
„Die Leitung kann auch als Co-Leitung besetzt werden.“
So oder so ähnlich sehen viele Stellenausschreibungen künstlerischer Leitungen und Intendanzen von Theatern und Schauspielhäusern im deutschsprachigen Raum zurzeit aus. Besonders schweizerische Häuser
scheinen den Trend mit Begeisterung aufzunehmen: Das Schauspielhaus Zürich, das Theater Neumarkt, das Theaterhaus Gessnerallee, das Theater Basel besetzten alle die künstlerische Intendanz oder Spartenleitungen in Co-Leadership-Modellen. Auch in Deutschland sieht man mehr Varianten davon aufkommen: Das Theaterhaus Jena arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit diesem Modell, für das Theater junge Generation wurde gerade frisch eine neue Co-Leitung gewählt, und sofern die Pläne umgesetzt werden, rückt das Theater Erfurt 2027 nach: Das Erfurter Kulturdezernat will die bisher allein geführte Stelle auf ein siebenköpfiges Team aufteilen.
Von außen kann man den Aufwind rund um dieses noch relativ neue Rollenmodell aus angenehmer Distanz beobachten und gleichzeitig die Frage stellen: Was verspricht man sich davon? Wie kommt es, dass das Theater seine
Führungsstrukturen neu aufsetzt? Um es noch leicht systemtheoretisch gedreht auf den Punkt zu bringen: Was sind die Probleme, für die Co-Leadership-Modelle im Theater eine Lösung sein sollen? Und inwiefern können diese Modelle den an sie gerichteten Erwartungen gerecht werden?
Kulturmanager:innen lösen heute Probleme auf sehr vielen verschiedenen Ebenen Kulturmanager:innen sind heute mit einer Menge drängender Fragen konfrontiert, die verschiedene Ebenen von Kulturorganisationen herausfordern und kluger, differenzierter sowie kreativer Antworten bedürfen: Wie gestaltet man ein Programm für möglichst alle Teile der Stadtgesellschaft? Wer gestaltet mit? Wie gelingt es, künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten in ihrer Komplexität zu vermitteln? Wie sorgt man innerhalb der Mitarbeitendenschaft und im Publikum für Teilhabe? Wie gestaltet sich
eine sozial und ökologisch nachhaltige Kulturorganisation? Und wie veränderungsfähig ist die Kulturorganisation gegenüber den Umbrüchen in den ihr verbundenen Märkten?
Wenn Kulturinstitutionen Resilienz erwerben wollen, müssen sie zuerst einmal lernen, zu vergessen
Im allgemeinen Sinne bedeutet Resilienz die Fähigkeit, schwierige Situationen
dauerhaft zu überstehen und krisenfest zu sein. Für Kulturinstitutionen
hat Resilienz viele Schichten, die es Stück für Stück zu bearbeiten gilt:
Resiliente Kulturinstitutionen entwickeln die notwendigen Fähigkeiten,
ihr Verhältnis zur Umwelt zu gestalten anstatt einfach nur zu re-agieren.
Das bedeutet, Umweltveränderungen laufend zu beobachten und mit
Blick auf das Verhältnis von Zweck und Mittel kritisch zu reflektieren.
Dies setzt voraus, dass man der Organisation und ihren Mitgliedern selbst
Ressourcen (z.B. die hierfür notwendige Zeit, Finanzen und Wissen) sowie
Entwicklungsmöglichkeiten (z.B. in Form von geistigen Freiräumen) zu
diesen Themen zugesteht.